Bahnsteigmenschen der Zeitgeschichte


Kulturforum: Die 15 Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011 stehen fest; Ihr Name ist nicht dabei – wie kommt das?

Jovan »Haut«: Die Kritiker-Jury vermochte »Haut« mental-synergetisch nicht zu inkorporieren – es wäre vermessen und in höchstem Grade inadäquat, bei universitären Amtsschimmeln und bürokratischen Durchschnittsstrebern von einer kognitiven Subsummierung und konsistent-autarken Identifikation dieser mikrokosmisch-autochthonen Spracharchitektur und ozeanisch-transzendentalen Monolithprosa auszugehen ... Dies ist eine geistig-substanziell zu dissipative Transposition: Zu anders. Zu problematisch, zu intransparent, zu antinormativ. Kurz, unmöglich. Man schläft ein.

Auch Linguistikkapazitäten und Top-Germanisten?

Die zuerst. Sie haben zeitlebens die applausheischende Assimilation vortrassierter Semantikstrukturen verinnerlicht – »Haut« erschliesst neue Dimensionen narrativ-diskontinuitiver Paratextualität und polymorph-multilateraler Erzähl- und Denkbild-Perspektiven. Die Enkelkinder werden es uns erklären, schonend. Bzw. unseren Grabmälern.

Urteilen Sie da nicht etwas zu voreilig und, nun ja, auch etwas hochmütig über Ihre werten Zeitgenossen?

Möchten Sie, dass ich die Frage an meine Eitelkeit oder an mein Ingenium weiterleite? Im Ernst: Lesen ist intrinsisch sehr, sehr aufreibend – ich selber lese so gut wie nie, es ist zeitraubend, monoton, kreatürlich inaktiv und von der extensiven Sinnlosigkeit gar nicht erst zu schweigen ... Wäre es sonach in der Summe nicht mehr als einleuchtend zu nennen, kurzum, wenn Sprachwissenschaftler und Fernsehplatzhirsche in aller Regel mit grossem Vorzug diejenigen nominieren und prämieren, deren öffentliche Statur bereits allgemein rezipiert, attestiert und kanonisiert ist? Ein Furz von Martin Suter ist evidentermassen zigfach karrieredienlicher als eine publizistische Nullnummer aus dem uferlosen Limbus des massenmedial Unerschlossenen – und »Haut« wäre wie eingangs erwähnt primärrezeptiv bislang noch durch und durch unbefleckt

Äh, Sie glauben, niemand hat es gelesen?

Ich weiss es. »Haut« ist nicht zu lesen. Es ist unmöglich, durch und durch unannehmbar, undurchdringlich, indiskutabel und übermenschlich. Es ist Literatur. Es ist »Haut«. Fraktal-divergent, topologisch-soziomorph und expansiv-multifluktuativ. Nicht einmal meine eigen-höchstselbig pankosmisch-intergalaktische Elementarwenigkeit geruht bis dato die intrinsisch-hermeneutischen Basisparameter und verschlungen-paradigmatisch-nonfigurativen Partialkonstituenten in letzter Konsequenz und Aporie und soziodynamisch-prototypischer Akromegalie-Insubordination sublim-flächendeckend zu durchleuchten. Mithin wäre es fahrlässig und schlechterdings unredlich, x-beliebige Provinz-Juroren einer mediokren Messemaschine dem abstrakt-nominellen Geistesdiktum künftiger Menschheitsgenerationen auszusetzen, deren erweiterte Erfahrungshorizonte angesichts der hier latent-spirituellen Überforderung allerhöchstens zu einem mitleidigen Lächeln plädieren könnten. Mehr als plausibel also, dass infolgedessen naheliegenderweise eher Daniel Kehlmann und Dieter Bohlen von einer wohlfeilen, lokalpolitisch korrekten Nominierung nutzniessen werden

Dieter Bohlen ist nicht nominiert

Sind Sie sicher?

Halten Sie es für möglich, dass in absehbarer Zeit junge Stimmen das Wort an sich reissen und gegen die eingefahrenen, womöglich verkrusteten, wenn nicht gar teilweise apodiktischen Strukturen und Denkschulen aufbegehren könnten?

Nein, das ist eher unwahrscheinlich – wir sind hier nicht in Jemen. Wer Hilfe braucht, hat keine verdient. Individuelle Endzeit-Phantasmen als interne Repräsentationen inhaltlich-integrativer Ego-Einstiche und psychohygienisch-ausgelagerter Biographie-Eckpfeiler bilden mitunter allem Metaphysisch-Kategorischen vergleichbar eine erratisch-ephemere Zustandskonklusion gegenwärtigen Empfindens, Durchleidens und Entbehrens. Mit oder ohne Dekorationstomate. Ausserdem sind Buchmessen zu sehr Furzluft – und Bücher Fürze. Eines möchte ich allerdings noch zu meiner subsidiär-ästhetischen Ad-hoc-Verteidigung vorbringen: Bei »Haut« handelt es sich allen methodischen Prämissen und transallegorischen Diskontinuitäten zum Trotz um keine Doktorarbeit – das heisst, ich durfte soviel abschreiben wie mir passte, und mir passte im sausenden Webstuhl der Zeit, dieser Furie des Verschwindens und Handlangerin des Staubgeborenen, jede Menge, ob allgemein-ambivalent in destilliertem Desiderat oder belletristisch-ideellem Artefakt volkspädagogischer Prägung und Dichotomie; in der finalen Determinante des versteinerten Chronisten oder weissbärtig psalmodierenden Knietätschlers verbleibt der apolitisch-intentionale Basisbefund intakt und irreversibel: Man hat zu wichsen. Handkehrum: Alles, alles paart sich, sprach die Maid, allein ich, ich allein bleib' über... Mit anderen Worten: Strippende Autostopperinnen, blindwütig-egalitär und mit mastig-knackig wibbelnden Honigzitzen letzten Endes, geben uns im Zweifelsfall den Salat. Die Butterspitzen hermetisch-hermeneutischer Warzenhöfe unter kosmopolitischem Dirndl-Linnen verpflotschen zwischen durstgreisen Banditenfäusten stereotyp zu inkohärenten Fotzenflocken knet-magisch-magnetisch-doppelweihnachtlicher Redundanz-Stereo-Sutenmilch: Pfupf für pfupf knospenheiss in die Durstpranken der spritzenmüssenden Siegerpenisse mösenmelk vorgeizend. Das brunzt reorganisativ wie unter Telenose. Unmittelbar vor sprengschleimiger Explodiversifikation: Todesstoss mit lebenslänglichem Vollzug – man muss abwarten. Die Schrecksekunde gerät zur Schweigeminute. Betrübnisse sind der Himmelsleiter Sprossen. Das Ziel ist und bleibt: Blutjunge anorektische Fotomodelle nageln mit splitternacktem Jünglingsständer – spritzig giessend am stotternden Schlotzipfel, aber gleichwohl bis zum Schaft zementsteif arschumtränkt unterm besinnungslosen Strich mit pfützenbreiig ausweihernden Druckbrunzern

Apropos: Der Trend zur literarischen Flucht in ferne Welten zeigt sich sehr deutlich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse – meine nächste Frage lautet von daher ...

Die Welt in »Haut« ist die uns entfernteste von allen, wenn ich Sie unterbrechen darf. Es ist die unsere. Nicht die bislang erzählte und tausendfach kolportierte und dokumentierte und gemeinhin »gewusste«. Sondern die wirkliche. Echte. Sofortige. Irreduzibel, unnenbar und tittenfotzig

Offen gestanden, ich finde Ihre Herablassung langsam aber sicher zum Erbrechen. Aber zurück zu meinem Fresszettel. In jüngster Zeit hat sich in literarischen Zirkeln eine mehr oder minder breite Polemik aufgeschaukelt, die gewissermassen auf den expliziten Rang des schweizer Kontingents sozusagen in der aktuell-zeitnahen Literaturwelt pocht. Möchten Sie als obsolet-inexistenter Blindpublizist dieses Weltfleckchens zu fraglicher Disputationsströmung eventuell ein intellektuelles Scherflein beitragen oder ziehen Sie es einmal mehr vor, sich in selbstherrlichen Phrasen zu ergötzen?

Weder noch – Jovan »Haut« bedeutet hier in nichtkursiven Lettern und zu eidesstattlicher Basslage extrapoliert: Haut Jovan. Yin und Yang. Die eng aufeinander verschmolzene Politur hypothetischer Propositionen, Verbindlichkeiten und Methodologien mutiert und reduziert den Analytiker peripher zum tendenziösen Perturbator: Wunder am Wegesrand, beseelte Atmung, Schattenküsse, Menschen im All, mobile Stehaufmännchen, Liebhaber ohne festen Wohnsitz, Förster Flück und Margarete Dauerspitz, Ahnen und Nachfahren, Herzen in Aufruhr, der hohe Schein, Perlen aus dem Sumpf ...

Und worum geht es?

Gedanke und Gewissen: Die ganzen Umstände, erstinstanzlich. Vollgas, Vollbremsung. Mann und Frau. Bond Street. Schmusepärchen. Feindkontakt. Doppelsalto. Kindheit, Uterus, Achselnässe. Spiel ohne Grenzen bis Sendeschluss. Auf einem Besenstiel über die Kirchturmspitzen reitend. Judasküsse, Krokodilstränen, Behördenkrimskrams. Über juvenile Zotten opak zerstampften Hoffnungsgezwirns watend und rasend. Von Hölzchen auf Stöckchen. Alles steht und fällt mit dem Sicherheitsnetz

Haben Sie das Gefühl, wir reden noch miteinander?

Ich habe das Gefühl, Sie sind ich und das ganze Gespräch ein Fake – aber vergessen Sie eines nicht: Die Erfahrungen und Lebensperspektiven der Frauen während der letzten einhundert Jahre sind durchgehend verschieden und heteromorph, man könnte sogar sagen substanziell metamorphisch. Das Paradigma gewinnt unter der Hand ein extrahiertes Eigenleben: Feuer im Dach, verkannte Bekannte, guten Morgen, liebe Sorgen – Bifurkation, Sittenverrohung, spätkapitalistische Konsummelancholie. Diese Zeiten kehren niemals wieder. Heute müssen wir für den 6 bezahlen. Das Ende vom Lied. Harakiri. Mit Kind und Kater. Pech, quittiert Mujo der Zyklop. Kuhfladen und Ziegenbohne. Die Zustände erodieren. Das gedankenstickende Motivmosaik: Man liegt über dem Mond. Dem irdischen Flammenkern

Wir haben übrigens Ihnen und uns jeweils ein Stück Löschpapier in den Kakao getan

Einmal sah ich eine dermassen riesige Raupe, dass ich sie bis heute nicht vergessen mag. Ich dachte als Kind 'Belletristrik' sei französische Literatur, die 'schön und traurig' sei. Oder aus der Halbwelt des Feuilletons: Der wirtschaftliche Aufschwung ist zwar hart und steif – aber wohin spritzen die Boni? Wie alles in der Welt verfügt auch die Übertragung über ihre reflexiven Antagonisten – ob Bewerbung bei Hofe oder Schönheit als Geburtsadel der postindustriellen Konsumgesellschaft. Die Sänfte der Tränen: Schiffe im Sturm, Totenkammern der Erinnerung, Geschenkpapier, Gartengeräte, kürzlich geknetete Blondinenklopse. Fettsteife Doppelwopper mit glasklaren Traumwarzen: man fasst es nicht – und dennoch und durch die Bank: fett wie pastenmarinierte Fernbedienungen. Handlich-obszön und nacktgrell-matronenmelassig. Das ungemeinnützige Zupacken des Großserben. Telefonat: Guten Tag, hier ich. Natürlich, heut scheint die Welt uns ewig alt. Ihr gutes Recht bei Gebrauchtwagen. Mütterchen Gulaschkanone, kurzum. Kroppzeug und Regimentsschweine. »Haut« Jovan. Die Musen darben. Zwischenklänge, Jubelschreie, Trauergesänge, Liebe nach Stundenplan. Heizkesseltechnik, Peter Alexander, Mausklick-Allmacht. Bis zwei Sekunden vor dem Abspritzen waren wir mächtig in unsere Frau verliebt. Buchszene. Wo Tränen verboten. Hinabschlingen des Zappelfutters. Das Beste vom Besten. Wir hatten das pralle Leben vor uns. Berührungsängste und was noch. Flüchtlingsgespräche, Profitgier, Pubertät am Fenster. Nichts Neues unter der Sonne. Im Krieg wird mit Fundmunition zurückgebombt. Nur noch ein kleiner Faden hält uns mit der Welt zusammen: Der Klang dünnt rasch aus – zum Totumfallen: Der Fott isst, trinkt. Zehn Hufe suchen eine Sehnsucht. Wie Elfengarn so duftig fein. Aus den Liegestühlen, Matrosen. Nächstes Mal mehr. Jovan »Haut«. Das Buch. Gelebte Sicherung einer beträchtlichen Anzahl Arbeitsplätze in der lokal-aktiven Psychiatrie

Tausendmal besser als Kehlmann?

Tausend ungelesene Seiten und drei Gründe von vielen. Nur für die Akten: Lächeln ist das Kleingeld zum Glück – aber wenn es einen Gott gibt, hat er Nerven wie Drahtstriegel. Oder nehmen Sie die chinesische Heirat. Finale in der Wüste. Viel zu doll geschminkte Mädel, so rar wie depressive Kichererbsen. Erlebtes und Erträumtes zwischen Fixfox und Ballaballa. Mit Poppertolle. Und Konsorten. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ecken leicht gestaucht. Von Welt im Kopf bis Mozart-Aspekte. Hilfe aus dem Unbewussten. Näheres später. Vorsicht, Rückspultaste. Der Schleimschlumpf feuert: Allein jeden Spritzer zermelkt die Urfrau (Seiten lichtrandig), auch die Kläffer, die Moskitos, noch die hässlichsten Säcke mit Migrationshintergrund, selten war die Wahrheit so bequem (Fleckenentfernung, aber richtig). Man füttert die Massenmörder mit durch. Da wohnt keine Steigerung inne. Der Weiberfutz quält und melkt. Ganz schön rossige Softskills. Im Nu spritzen ganze Familien in den Pfuhl. Eine Geschichte vom Unglück dieser Erde plus angegraute Sexbömbchen. Zwischen Traktorfahrschule und Biedermeiersekretär. Aber wenn der Himmel reisst ...

War der Erfinder von Biene Maja Antisemit?

Und zugleich nicht annähernd so subschwul wie Ernie und Bert. Das Heute ist das Morgen, das dir gestern Kummerfalten bereitete: Götter, Gräber und Gelehrte – man gehört eingesperrt. Wir sind hier nicht in der Galvanik. Verluste im sechsstelligen Bereich. Sekten, Schwindler, Seelenfänger – Träum erst, wenn es dunkel wird! Die Spritzer zermelkt es im eutersoften Futzbusch wie an unsichtbarem Drahtseil: Leichtathletikabteilung, Jubelschreie, Trauergesänge, Kitten tneten – hat der Mensch Wurzeln? Skandale und Gemetzel im Zeichen des Hammers, Ecken minimal bestossen

Und jetzt alle zusammen: Individualismus!

Lagen zwei Grosskonzerne auf der Hochspannungsleitung, da kam eine hinkende Globalisierung und ein junggebliebener Neoliberalismus durch die Laube und maulten: Ist noch soziale Dimension im Sonnenfaktor? Da seufzte die Gewinnwarnung: Aber keine ökonomische Manövriermasse in der Lohnschere, und ging lodernd in Bargeld auf. Kein Spielraum für Rezeptionsforschung, wiehernde Schlingen, Reifenquietschen, Kunde vom Weltall: Das Heimchen am Herde, das verwunschene Waldhaus im Voralpenland, tausend Seiten. Kann niemand lesen. Fett, fett, fett. Ob Börsenkurse oder Backrezepte ... Das ist der Brunst Zauberhauch. Palmen, Pomp und Paukenschlag: Die Nonne brennt. Kein Grund vorschnell zu jubeln. Der machtvolle Binnenkonsum äussert sich in: 0 verkauften Exemplaren – der kommerzienrätliche Testosterontechnizist und Bikinigourmet sagt dazu: Jovan »Haut« – nicht lesen, kaufen! (Nicht verstehen, gewinnen!) Mein Name sei Gantenbein. Mini-Appartement zum Mondpreis. Überholte Lehrmeinung. Kanten leicht berieben. Ein Häufchen Turbo. Wird erst in 1000 Jahren ein Seller (nämlich ein Piter Seller). Mit verschiedengezahnten Ironien. Eskortnutten und Koksnasen. Eine Reise in die Apokalypse. Kuss auf beide Wangen. Bzw. Tittenmöpse. Astreine Arschpralle spielt eine zentrale Rolle in dieser einmaligen Sonderausgabe. Ansonsten gilt: Zwei Stück und keine zuviel. Keimend und piekend, ködernd und neckend. Der Sofortstrom. Die Schicksalsnacht. Der Schlüssel zum Königreich. Glücklich soll ein jeder sein. Stellen Sie sich vor: Es gäbe wirklich gevögelte Ficktiefe wie im ZDF. Wer setzt schon auf Fortuna. Nonkonformismus, Tanz auf dem Regenbogen, Lorbeer zum halben Preis ... War da noch etwas? Mist, ich muss auflegen, der Drache brüllt. Aus gegebenem Anlass. Und zwar vorgestern. Leicht gesagt. Ausserdem ist Sommer.


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Unter den Bettdecken ist der Teufel los                        Wenn niemand hinsieht